Abendessen mit Elektra
Die Bedienung war gut, das Menü vorzüglich gewesen und meine Stimmung entsprechend mies. Tim hatte abgesagt, Justin ebenso und sogar meine Ex, die dauerplappernde Sarah, gab vor, verhindert zu sein. Trotzig war ich dennoch ins “Schmizz” gegangen, hatte mir die Consommé gegeben, den Tafelspitz und die Cognac-Creme. Bloß die Unterhaltung mit mir selbst geriet alles andere als flüssig. Ich begriff, warum Menschen es hassen, allein zu speisen.
Am Tisch vor mir saß eine Dame. Sie wandte mir den Rücken zu, saß sehr gerade, und ihr blondes Haar floss über die Schulterblätter. Die schmale Rückenlehne gab den Blick frei auf ein Kostüm, das eng auf die mädchenhafte Taille geschneidert war. Der Restaurantbesitzer schenkte der Frau als Aperitif einen Sekt ein.
Ich war vom Oberkellner bedient worden, sie aber vom Besitzer des “Schmizz”. Womit sie das verdient hatte, fragte ich mich und fingerte eine Zigarette hervor. Sofort schaute der Restaurantbesitzer herüber. Seine Augen waren kalt und durchdringend, als ob sie direkt in mein Hirn schauen wollten. Okay, Rauchen verboten; ich ließ das Etui zuschnappen und in der Innentasche des Jacketts verschwinden.
Aha! Er stellte ihr ein zweites, leeres Glas gegenüber. Logisch, solch eine Dame aß nicht allein. Lächerlich, dass Hoffnungen in mir gekeimt waren ... Die Dame sah auf die Uhr ihres Handys und holte eine Piccolo-Flasche aus ihrer schwarzen Lacktasche. Aus dem Piccolo goss sie in das leere Glas Sekt. Er hatte die Farbe hellen Bernsteins. Perlen tat er nicht besonders stark.
Ich sehnte mich nach einer Zigarette und schaute nach draußen. Auch am Abend herrschte dichter Autoverkehr, die Parkplätze vorm “Schmizz” waren belegt. In der zweiten Reihe hielt ein schwerer Mercedes, der Chauffeur öffnete die hintere Tür und ein Herr stieg aus, kam ins Restaurant: groß gewachsen, noch nicht alt, die dunklen Locken mit Gel nach hinten gekämmt. Der Restaurantbesitzer begrüßte den Gast persönlich, übernahm dessen Mantel, geleitete den Mann an den Tisch, wo die Dame, die mein Interesse ein wenig geweckt hatte, sich erhob und dem neuen Gast sein Glas reichte.
“Ich freue mich, mit Ihnen speisen zu dürfen, Lady”, erklärte der Ankömmling mit gewinnendem Lächeln.
“Ich bedanke mich für Ihre Einladung, Herr Direktor.” Sie nippte an ihrem Sekt und beobachtete ihn über den Rand des Glases hinweg. “Trinken Sie.”
Er zögerte.
“Es ist Jahrgangssekt. Er wird ihnen munden.”
Er riskierte einen Schluck. – Seine Nasenflügel zuckten, er spitzte die Lippen.
“Nun?”, erkundigte sie sich.
“Er ist köstlich”, urteilte er, griff zur Stoffserviette, ließ sie wieder sinken und trank nun in einem Zug.
“Dann können wir uns setzen”, sagte die Lady. “Ich bin mir sicher, es wird ein Abendessen werden, dass Ihnen in Erinnerung bleiben wird.”
Jetzt erst fiel mir auf, dass sich der Restaurantbesitzer in der Nähe unserer Tische aufhielt. Ich gab ihm ein Zeichen, und er nahm meine Bestellung entgegen. Etwas unaufmerksam, wie mir schien, immer wieder schaute er zu den beiden Gästen am Nachbartisch. Mir war nach Wein. Mein Missmut war verflogen, das vornehme Paar hatte meine Neugierde geweckt, die Beobachtung der zwei würde mich beim Essen unterhalten.
Die Lady holte aus ihrer Tasche ein gefülltes Marmeladenglas mit Schraubverschluss. Sie nahm das Messer des Direktors und bestrich seinen Braten mit einer Schicht Schokocreme. Mir drehte sich der Magen um. Nicht nur, dass die Frau ihren halben Küchenvorrat mit ins Nobelrestaurant brachte, sie ruinierte sein Lammfleisch mit einer Süßspeise. Okay, sie sah aus wie eine Dame, hatte die Manieren einer Dame; aber ihr Geschmack ... darüber ließ sich streiten.
Ihr Galan jedoch war hin und weg von der Frau, säbelte große Stücke vom Fleisch und ließ es sich schmecken. Die Bratenwärme hatte die Creme verflüssigt, sie lief ihm aus dem Mund über die Lippen, und er schleckte sie mit der Zunge auf. Mit seinem Sekt spülte er nach. Er nahm den Schaumwein nur aus den Piccolos, von denen sie tatsächlich mehrere mitgebracht hatte. Musste wirklich eine besondere Sorte sein. Ich mache mir nun rein gar nichts aus Sekt, er ist mir zu süß. Sonst wäre ich neugierig gewesen, was für eine tolle Sorte das sein sollte.
Der Geruch des Bratens wehte herüber. Typisch Lamm. Ein bisschen streng, aber nicht unangenehm. Ich hatte keinen Hunger mehr, aber Appetit erregen konnte der Duft durchaus.
Mein Telefon klingelte. Tim war dran. “Jetzt nicht, Tim. Nein, ich habe heute keine Zeit mehr.”
Ich war bei meiner zweiten Karaffe Rotwein und das Paar vom Nachbartisch bei der Nachspeise. Er schob die Cognac-Creme des Hauses beiseite, als sie ihm Pralinen servierte.
“Habe ich selbst gefüllt”, schmunzelte sie und reichte ihm eine.
Er nahm das Praliné, berührte dabei die feingliedrigen Finger der Lady, hätte sie wohl auch gern noch ein wenig in seiner Hand gehalten – doch sie entzog sich ihm.
“Probier, ob sie dir schmecken.”
Er lutschte. “Zartbitter”, erklärte er schließlich, “und die Füllung ist wirklich superb.”
“Ich habe gestern extra Nüsse gegessen für dich”, erklärte die Lady. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich das richtig erlauscht hatte. Es ergab keinen Sinn für mich – damals.
Plötzlich stand der Restaurantbesitzer bei den zweien. “Die Pralinés sind aber nicht aus unserem Sortiment, Herr Direktor”, lächelte er das Leckermaul an.
Der Direktor zuckte zusammen. Ein Verhalten, das nicht zu seiner sonst selbstsicheren Art passte. “Nein, nein ... die sind von der Lady.”
“Darf ich probieren, was unserer Küche so ernstzunehmende Konkurrenz macht?”, fragte der Besitzer und hatte die letzte Praline schon in der Hand.
“Nein, nein, bitte ... ich bitte Sie!” Der Direktor war lauter geworden und aufgesprungen. “Es ist meine Praline, geben Sie her.” Es war grotesk, wie die zwei gut gekleideten Herren um eine Praline stritten. Sie fiel zu Boden, mir vor die Füße. Kurzerhand hob ich sie auf.
Die zwei Männer blieben wie angewurzelt stehen und starrten mich an, ihre Münder waren offen, als ob sie die Praline damit fangen wollten. Aber ich beachtete die Männer nicht länger, denn nun sah die Lady mich zum ersten Mal an. Ich entdeckte, wie fein geschnitten ihr Gesicht war, roch an ihrer letzten Praline. Ungewöhnlich, herb, zartbitter. Kurz entschlossen biss ich hinein.
Der Röntgenblick des Restaurantbesitzers drang augenblicklich in mich ein.
Doch ich ließ ihn nicht ahnen, was ich dachte, was ich schmeckte, was ich erkannte.
Die Lady lächelte, ließ meine Visitenkarte in ihrer Lacktasche verschwinden, als ich mich bald eilig verabschiedete. Der Direktor saß wie erloschen auf seinem Stuhl und die blauen Röntgenaugen des Restaurantbesitzer schauten mir nach, als ich das Restaurant verließ.
Man konnte allein tatsächlich ein leckeres und anregendes Abendessen haben und musste dabei keineswegs einsam bleiben: Seit diesem Abend kenne ich Elektra.
Erotische Geschichte vom 09.1.2011
